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Oma, Lil und ich


Es war der 18 Dezember 1993. Der schmutzig graue Schnee , auf den mit Taubendreck bespränkelten Dächern , hob sich kaum von der freudlosen Farbe des Himmels ab. Langsam ging ich durch die Feldgasse, ich hörte den Schnee unter meinen Turnschuhen knirschen. Ich summte eine Melodie von Bach vor mich hin als ein eiskalter Regentropfen auf meine Nasenspitze klatschte. In meiner Hosentasche hörte ich mein wöchentliches Taschengeld von 50 Pfennig klimpern. Da war sie – die braune Tür von der schon seit Jahren die Farbe abblätterte. Ich sah auf die Klingelschilder, Busch, Meier, Winter – da war das gesuchte Schild. Ich hob meine Hand und drückte auf den Knopf. Nach einer Weile summte der Türöffner. Ich drückte mit meinem ganzen Gewicht gegen die schwere Tür und der vertraute Geruch nach modrigem Holz und Rattendreck schlug mir entgegen. Ich ging auf die Treppe zu, zwei Stufen auf einmal nehmend hastete ich in den dritten Stock. Oma erwartete mich an der Tür. „Da bist du ja endlich, Junge! Komm rein es ist doch kalt draußen.“ Wortlos schob ich mich an ihr vorbei ins Warme. Aus dem Wohnzimmer drönten die Geräusche eines Radios. Als ich in die Küche ging saß Lil auf der Fensterbank über der Heizung und trat mit ihren Stiefeln abwechselnd gegen Heizung und Tischbein. „Na?“ begrüßte sie mich lächelnd. „Sören ist heute nicht sehr gesprächig, Lilith.“ teilte meine Großmutter ihr mit. „Achso...“ sagte Lil und grinste mich an. Ich sah auf meine Füße, der linke Schnürsenkel war offen. „Setz dich, Kind.“ verlangte Oma. Lächelnd setzte ich mich zu Lil an die Heizung.

Die Heizung war warm und es fühlte sich so an als würden meine Finger die zu Eiszapfen erstarrt waren, langsam auftauen. Ich spürte das Lil mich ansah und sah hoch. Sie tat so als würde sie ihre Fingernägel einer Säuberung unterziehen aber ich wusste das Lil nur darauf wartete das ich wieder wegsah damit sie mich wieder mit ihren wunderschönen schokoladenbraunen Augen mustern konnte. „Lil...“ sagte ich. „Bitte?“ fragte sie zickig und zog ihre linke Augenbraue hoch. „Zicke.“ sagte ich und grinste sie an. „Idiot.“ sagte sie und grinste zurück. „Was willst du wissen?“ fragte ich sie. „Alles, natürlich!“ jetzt sah sie schon wieder freundlicher aus. Sie lachte und sah mich erwartungsvoll an. In dem Moment betrat Großmutter die Küche die kurz vor Lils und meinem spaßhaften Streit in ihrem Schlafzimmer verschwunden war. Jetzt trug sie einen Glasteller mit Schokokeksen und lächelte uns gütig an. „Kekse!“ schrie Lil und sprang von der Heizung direkt auf meinen rechten Fuß, dessen gestreifte Socke ein Loch etwa da hatte wo sich mein großer Zeh befand. „Autsch!“ schrie ich und hüpfte auf dem linken Fuß herum während ich den Rechten hielt. „Oh, bin ich dir auf den Fuß getreten?“ fragte Lil die schon in jeder Hand einen Keks hielt. „Ja.“ schnaufte ich während ich in Gedanken Gott dafür dankte das der Schmerz nachließ. „Entschuldige, Keks?“ „Ja!“ piepste ich als ich mich zurück auf den Stuhl sinken ließ. Ich nahm den von Lil angebotenen Keks und knabberte daran herum während Lil und ich Musik aus dem Radio im Wohnzimmer hörten und „Donald Duck“ Comics lasen. Manchmal wenn ich aufsah, nickte Oma mit dem Kopf, lächelte und stickte an einem weißen Blüschen von Lil herum. Nach einer Zeit wurde es Lil zu langweilig und sie begann die ecken ihres Comics abzureißen, Kugeln daraus zu formen und durch das geöffnete Fenster die Tauben die sich auf dem Flachdach unterhalb Großmutters Wohnung ausruhten zu beschießen. „Hey Sören,“ rief sie vergnügt „komm her und mach mit!“ Ich warf das Comic auf den Boden und stellte mich zu Lil ans Fenster und half ihr die sich empört aufplusternden Vögel noch mehr zu verärgern indem wir unerwartet laut in die Hände klatschten. „Ach Kinder...“ seufzte Großmutter. Lil und ich sahen auf. „Macht doch nicht so einen Lärm und schließt das Fenster, es ist ja eisig hier drinnen!“ „Du Omi...“ begann Lil „ich hab eine Idee. Dürfen Sören und ich nicht über Nacht bleiben? Morgen ist doch Samstag!“ „Na gut, aber Sören muss zum Abendessen Spiegeleier braten und du Lilith kochst Nudeln!“ „Das machen wir, oder Sören?“ Ich nickte, aber bevor ich auch nur sagen konnte das ich noch Anna und Günther fragen musste, hielt Lil mir schon den Telefonhörer unter die Nase. Verblüfft sah ich sie an. „Ich weiß doch das du erst fragen musst.“ lachte sie.

Am Abend nach dem Essen was Lil und ich wie versprochen gekocht hatten, legte Oma Maronen auf die noch heißen Herdplatten und bald duftete die ganze Wohnung nach gerösteten Maronen. Oma erzählte, Lil lachte und ich dachte nach während wir uns die heißen Früchte in die Münder steckten. Um acht wollte Oma die Tagesschau sehen und erlaubte das Lil und ich dannach den „Viertel-nach-acht-Krimi“ sehen durften. Aber um zehn sollten wir in den Betten liegen mahnte Oma.


Als Lil und ich schließlich im Dunkeln in Opas altem Zimmer auf dem Sofa lagen begann Lil plötzlich zu weinen. Sie gibt sich immer hart und tough aber wir beide wissen das sie eine zarte Persönlichkeit ist mit der man vorsichtig sein muss weil sie sonst zerbricht. Ich wusste nicht warum sie weinte aber Lil weint oft wenn sie denkt das ich schlafe und das passiert jedes mal wieder das Gleiche ich nehme sie ganz fest in den Arm bis sie aufhört zu weinen und mir erzählt warum sie weint dannach weine ich und sie nimmt mich in den Arm und ich erzähle ihr alles aber mir ist es immer das Gleiche. Ich vermisse meine Eltern. Sie sind im Herbst bei einem Hausbrand ums Leben gekommen. Seit dem wohne ich bei ihren besten Freunden, Anne und Günther, sie sind ok aber sie wollten nie Kinder und wissen nicht was sie mit mir machen sollen, obwohl sie sich echt Mühe geben. Günther geht Samstags oft mit mir Fußball spielen obwohl ich es hasse und es eigentlich viel zu kalt ist, aber er denkt das alle Jungen Sport mögen egal zu welcher Jahreszeit. Lil weint oft weil ihre Eltern sie nicht lieben, sie schlagen sie und es ist ihnen egal wenn sie Tage lang nicht nach Hause kommt. Einmal ist sie eine Woche nicht nach Hause gekommen und hat bei Oma geschlafen aber als sie nach Hause kam wurde sie grün und blau geschlagen weil ihre Eltern dachten sie hätte die Beiden beim Jugendamt verpfiffen. Oma versucht oft Lils Eltern zu überreden sie bei ihr leben zu lassen aber dann behaupten sie sie würden Lil doch so lieben. Das sind dann besonders schwere Zeiten für Lil weil sie sich nichts sehnlicher wünscht als bei Oma zu leben die sie liebt und ihr etwas zu Essen kocht. Lil ist fast jeden Tag bei Oma aber nur bis zum Abend dann geht sie nach Hause. Ich versuche auch so oft wie möglich bei Lil und meiner Oma zu sein weil ich hier mein letztes kleines Stück Familie habe. Lil ist meine beste und einzige Freundin und Cousine gleichzeitig und Oma ist einfach Oma gutherzig, offen, und unverbesserlich. Sie erzählt vom Krieg und von ihrer Liebe zu Opa. Auch er ist gestorben das ist aber schon lange her. Er war Jude und wurde als einer der Letzten im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau umgebracht sie war schwanger aber unverheiratet. Sie hatte großes Glück das nicht auch sie getötet wurde aber dann war der Krieg zum Glück vorbei. Schwanger, unverheiratet, die große Liebe gerade verloren und nichts anzuziehen oder zu essen das waren schwere Zeiten für Großmutter. Aber sie gab nicht auf und holte sich Hilfe von wo es nur ging. Sie suchte sich eine Arbeit als Krankenschwester und bereitete sich aufs Muttersein und die abwertenden Blicke der Leute vor wenn sie erfahren würden das sie noch nicht einmal verlobt gewesen war. Doch kurz vor der Geburt teilte ihr der Arzt mit das sie Zwillinge gebären würde. Mein Vater und meine Tante Lils Mutter.


Lil weinte und schluchzte und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Nachthemdes aus dem Gesicht, als sie wieder sprechen konnte flüsterte sie: „Sie haben es wieder getan.“ „Sie haben dich wieder Nachts im Keller eingesperrt?“ fragte ich und strich ihr dabei über ihre wunderschönen Locken, auf einmal hatte ich das Gefühl sie beschützen zu müssen es war wie ein Drang. Lil sagte nichts sondern schniefte nur. Das reichte mir als Antwort. „Geh doch endlich zum Jugendamt oder zur Polizei.“ „Er bringt mich um, er bringt mich um!“ „Soll ich zur Polizei gehen dann bringt er niemanden um!“ Lil schluchzte lauter, und umklammerte meinen Arm. „Nein! Dann bringt er uns beide um!“ „Aber du kannst doch nicht dein ganzes Leben bei diesem Schläger wohnen, Lil! Du musst lernen dich zu wehren!“ „Jetzt tu doch nicht so Sören! Du bist doch selbst ein Wrack, deine Eltern sind vor nicht mal zwei Monaten gestorben! Du wohnst bei Menschen die dich nicht lieben und hast niemanden! Tu nicht so als wären in deinem Leben nicht genug Probleme die du in den Griff kriegen musst!“ schrie Lil. Ich nickte betrübt ich wusste ja das sie Recht hatte. Sie nahm mich in den Arm und sagte einfach nichts wofür ich ihr so unendlich dankbar war. Wir schliefen beide schlecht und ich erwachte am Samstag früh mit einem komischen Geschmack im Mund.


Zum Frühstück briet Lil uns Omelette. Da uns beiden nicht nach heimgehen blieben wir einfach und lauschten Omas Geschichten über den Krieg und die alten Zeiten wie sie es nannte. Sie saß in ihrem alten Schaukelstuhl an der Heizung im Wohnzimmer und Lil und ich saßen in selbst gestrickte Decken gewickelt vor ihr auf dem alten Holzboden.

8.8.11 15:05
 


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